{"id":3287,"date":"2007-08-17T07:55:29","date_gmt":"2007-08-17T05:55:29","guid":{"rendered":"http:\/\/goerdeler.lspb.de\/wordpress\/ueber-c-f-goerdeler\/"},"modified":"2016-02-29T14:22:21","modified_gmt":"2016-02-29T13:22:21","slug":"ueber-c-f-goerdeler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/goerdeler.lspb.de\/wordpress\/home-2\/schulgeschichtliches\/ueber-c-f-goerdeler\/","title":{"rendered":"\u00dcber C. F. Goerdeler"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/goerdeler.lspb.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/goerdeler.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"349\" align=\"right\" \/><strong><em>&#8222;Die Welt aber bitte ich, unser M\u00e4rtyrerschicksal als Bu\u00dfe anzunehmen f\u00fcr das deutsche Volk&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das St\u00e4dtische Neusprachliche Gymnasium f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen in Entwicklung wurde mit zwei Klassen im September 1967 er\u00f6ffnet. Neben den anderen Gymnasien in Paderborn war diese Schule das erste koedukative Gymnasium der Stadt. Zun\u00e4chst begann der Schulbetrieb in Pavillionbauten an der Erzbergerstra\u00dfe. Nachdem einige Jahre die R\u00e4ume der Lutherschule am Abdinghof genutzt wurden, konnte am 16. August 1971 der Schulneubau an der Goerdelerstra\u00dfe bezogen werden. Im allgemeinen Sprachgebrauch setzten sich schnell die Begriffe &#8222;Gymnasium an der Goerdelerstra\u00dfe&#8220; oder &#8222;Goerdeler-Gymnasium&#8220; durch. So erhielt die Schule dann Ende 1972 ihren Namen nach dem Widerstandsk\u00e4mpfer im Nationalsozialismus Carl Friedrich Goerdeler.<\/p>\n<p>In einem Dorfgasthaus nahe der ostpreu\u00dfischen Stadt Marienwerder erkannte am Morgen des 12. August 1944 eine Luftwaffenhelferin den mit Zeitungsfoto gesuchten Carl Goerdeler und verriet ihn. Der 60j\u00e4hrige war seit 24 Tagen auf der Flucht, ohne falsche Papiere, zuletzt mit Rucksack und Wanderstock, ersch\u00f6pft, resigniert und am Ende ziellos. Wohl kein Ort erscheint als Fluchtpunkt auch ungeeigneter als gerade Marienwerder, wo die Familie Goerdeler seit 1890 gelebt hatte und weithin bekannt war. Im engmaschigen Fahndungsnetz des totalit\u00e4ren Polizeistaates geschah die Entdeckung mit einer gewissen Zwangsl\u00e4ufigkeit, aber ohne Zweifel hatte sich der Fl\u00fcchtling auch selbst durch die Planlosigkeit der Flucht und sein unvorsichtiges Verhalten gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Goerdeler entsprach nicht dem Bild, das man gemeinhin vom Typus des politischen Untergrundk\u00e4mpfers hat. Zeit seines Lebens blieb er ein Mensch b\u00fcrgerlich-konservativen Zuschnitts. Als Sohn einer preu\u00dfischen Juristen- und Beamtenfamilie wurde er in den entscheidenden Entwicklungsjahren von den Erziehungsvorstellungen der Kaiserzeit gepr\u00e4gt, von &#8222;einem Nationalismus enger Art&#8220;, wie er selbst im R\u00fcckblick urteilt. Erst als fast F\u00fcnfzigj\u00e4hriger begann er, die \u00fcberkommenen Vorstellungen von unbedingter Gesetzestreue und Staatsloyalit\u00e4t in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Dann jedoch wurde er zu einer der f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten im Zentrum des deutschen Widerstandes gegen Hitler. Die Verschw\u00f6rer, die das Attentat vom 20. Juli 1944 vorbereiteten und die Beseitigung der NS-Herrschaft anstrebten, waren sich in ihren politischen Vorstellungen keineswegs einig, konnten sich aber auf Goerdeler als zuk\u00fcnftigen Reichskanzler verst\u00e4ndigen. Als den Nazis nach dem misslungenen Attentat die von Goerdeler verfasste Kabinettsliste in die H\u00e4nde fiel, setzten sie auf seine Ergreifung die damals ungeheure Summe von einer Million Reichsmark aus.<\/p>\n<p>Wie verlief der politische Werdegang dieses Mannes?<\/p>\n<p>Nach einer Karriere in der Verwaltung wurde Goerdeler 1930 Oberb\u00fcrgermeister von Leipzig und au\u00dferdem zum Reichspreiskommissar berufen. Als 1933 die SA auch in Leipzig j\u00fcdische Gesch\u00e4fte pl\u00fcnderte, geh\u00f6rte er zu den wenigen, die sich den Gewaltt\u00e4tern pers\u00f6nlich auf der Stra\u00dfe entgegenstellten. Auch wehrte er sich erfolgreich dagegen, dass die Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus gehisst wurde, solange sie noch nicht offizielles Staatssymbol war.<\/p>\n<p>Aber wie viele Konservative t\u00e4uschte er sich am Anfang in Hitler und konnte nicht erkennen, dass die Ma\u00dfnahmen der NS-Regierung den systematischen Ausbau des diktatorischen Unrechtsstaates bedeuteten. Jedenfalls diente er dem Regime 1934\/35 als Reichspreiskommissar. Offenbar glaubte er noch, aus dem Inneren des Systems heraus gegen die Wirtschafts-, Kultur- und Rassenpolitik wirken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Sommer 1936 wurde Goerdeler auf 12 Jahre zum Oberb\u00fcrgermeister von Leipzig wiedergew\u00e4hlt. Im November trat er vom Amt zur\u00fcck. Sein Stellvertreter, ein Nationalsozialist, hatte in seiner Abwesenheit das Denkmal des j\u00fcdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy vom Vorplatz des Gewandhauses entfernen lassen. Er tat diesen Schritt aus Protest gegen den Antisemitismus, weil er an seine Verantwortung f\u00fcr die kulturelle Tradition glaubte und weil der Machtanspruch der Nationalsozialisten nun auch in seinen unmittelbaren Arbeitsbereich eindrang.<\/p>\n<p>Von nun an wird erkennbar, dass Goerdeler in strikter Gegnerschaft zum Nationalsozialismus steht. Der Industrielle Robert Bosch erm\u00f6glichte ihm ausgedehnte Auslandsreisen. Goerdeler informierte die britische Regierung \u00fcber die deutsche Opposition gegen Hitler und erforschte die au\u00dfenpolitischen M\u00f6glichkeiten nach einem Umsturz in Deutschland. Seine Reiseberichte mit ihren immer eindringlicheren Warnungen vor dem Krieg und vor der Untersch\u00e4tzung der Gegner, vor allem aber wohl die Tatsache, dass in den Schriften ein umfassendes wirtschaftliches und politisches Zukunftskonzept sichtbar wurde, haben zur Sammlung b\u00fcrgerlich-liberalen und milit\u00e4rischen Widerstands wesentlich beigetragen und mit ihren optimistischen Ausblicken auf au\u00dfenpolitische M\u00f6glichkeiten ermutigt.<\/p>\n<p>Nach dem M\u00fcnchener Abkommen 1938 steht sein Urteil \u00fcber den Nationalsozialismus fest:<\/p>\n<div align=\"left\">\n<p><em>&#8222;Als Deutscher sollte ich an sich sehr zufrieden sein. Ich wei\u00df jedoch, da\u00df diese Diktatoren nichts als Verbrecher sind. &#8230; der Hitlerismus ist Gift f\u00fcr die deutsche Seele. Hitler ist fest entschlossen, das Christentum zu zerst\u00f6ren. &#8230; Nicht Gerechtigkeit, Vernunft und Anstand, sondern brutale Gewalt werden die Zukunft der Weltformen. &#8222;<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>Goerdeler vertrat eine klare Konzeption \u00fcber Ziel und Methode des Umsturzes: Hitler und die f\u00fchrenden Nationalsozialisten sollten verhaftet und in einem ordentlichen Gerichtsverfahren abgeurteilt werden. In Goerdeler war die \u00dcberzeugung fest verwurzelt, dass das deutsche Volk nach Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Wahrheit in seiner \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit dem Nationalsozialismus abschw\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch wenn man die praktische Durchf\u00fchrbarkeit dieses Plans in Zweifel zieht, so belegen diese Gedanken doch die konsequente Ehrlichkeit der moralischen Grund\u00fcberzeugungen: Ohne Zweifel hatte sich Hitler vielfach schuldig gemacht, aber nach Goerdelers Rechtsverst\u00e4ndnis war es Mord, den Diktator zu t\u00f6ten. Eine solche Tat schien ihm als erster Schritt in eine bessere Zukunft ungeeignet.<\/p>\n<p>Immer wieder war Goerdeler auf der Suche nach den unentbehrlichen Mitverschw\u00f6rem, Gener\u00e4len, die \u00fcber ausgedehnte Befehlsgewalt verf\u00fcgten und bei der eigenen Truppe popul\u00e4r genug waren, um sie notfalls gegen Hitler und die SS f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Man kann seine Verbitterung nachvollziehen, als er wiederholt erkennen musste, dass viele hohe Milit\u00e4rs sich zwar \u00fcber den Kriegsausgang keine Illusionen mehr machten, aber vor der letzten Konsequenz doch zur\u00fcckschreckten.<\/p>\n<p>So ist Goerdeler auch an jenen gescheitert, denen Herkunft und Erziehung ein moralisches Koordinatensystem vermittelt hatten, nach dem sich auch sein Weltbild einst ausgerichtet hatte. Nur &#8211; sein Lebensweg war gekennzeichnet von fortw\u00e4hrender Weiterentwicklung. Und im Unterschied zu vielen Gener\u00e4len brachte er die Tatkraft und den Mut auf, welche die Milit\u00e4rs wie selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr sich reklamierten, aber die den meisten von ihnen in den Jahren der Entscheidung fehlten.<\/p>\n<p>In den politischen Zukunftsvorstellungen Goerdelers ging es vor allem anderen um die Vernichtung des totalit\u00e4ren Unrechtsstaates durch die Errichtung einer verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung, durch die Wiederherstellung der Freiheit der Person, durch die Neuschaffung und Sicherung des Rechtsstaates. Unverkennbar ist aber auch, da\u00df er einen Sonderweg suchte, der sich unterschied vom westlichen Ideal der pluralistischen Massendemokratie. Dazu geh\u00f6rten die Vorstellung einer weitgehend unabh\u00e4ngigen, starken Staatsf\u00fchrung sowie eine Mischung st\u00e4ndestaatlicher und demokratischer Elemente auf allen Ebenen. Der politische Wille der B\u00fcrger sollte nur zu einem Teil durch Parteien, haupts\u00e4chlich aber durch berufsst\u00e4ndische Organisationen und die &#8222;Deutsche Gewerkschaft&#8220; vermittelt werden.<\/p>\n<p>Au\u00dfenpolitisch glaubte er an die M\u00f6glichkeit eines Sonderfriedens mit den Westalliierten, in dem f\u00fcr Deutschland die Grenzen von 1914 mit \u00d6sterreich, S\u00fcdtirol und den Sudetengebieten anzustreben seien. Dies mag mit Seitenblick auf die unentbehrlichen Gener\u00e4le geschrieben sein und war wohl auch als maximalistische Verhandlungsposition gedacht. Es kann aber nicht bestritten werden, dass vieles aus dem Programm Goerdelers nur aus seiner Zeit heraus zu verstehen ist und nicht als zukunftsweisend angesehen werden kann. Er war hier weit entfernt etwa von Vorstellungen innerhalb der Widerstandsgruppe &#8222;Kreisauer Kreis&#8220;, dass n\u00e4mlich angesichts der ungeheuren Verbrechen im deutschen Namen die totale Niederlage und die Besetzung Deutschlands erforderlich und w\u00fcnschenswert seien.<\/p>\n<p>Am 8. September 1944 verurteilte der Volksgerichtshof Goerdeler zum Tode, jedoch hatte er noch fast f\u00fcnf Monate auf seine Hinrichtung zu warten. Es gibt keinen Hinweis darauf, da\u00df der H\u00e4ftling mit direkter Gewaltanwendung gefoltert worden ist, doch geh\u00f6rte die psychische Zerm\u00fcrbung, beispielsweise durch Schlafentzug, stets ge\u00f6ffnete Zellent\u00fcren und Dauerbeleuchtung, zu den Selbstverst\u00e4ndlichkeiten der Gestapohaft. Niederdr\u00fcckend war die Gewissheit, dass die gesamte erreichbare Familie in Sippenhaft genommen worden war.<\/p>\n<p>Goerdeler verfasste im Gef\u00e4ngnis ausf\u00fchrliche Texte, darunter die &#8222;Gedanken eines zum Tode Verurteilten&#8220;. Je mehr Zeit verging, um so selbstqu\u00e4lerischer wurden die R\u00fcckblicke, um so dr\u00e4ngender auch das Bed\u00fcrfnis, das Leben und den nahen Tod zu bew\u00e4ltigen:<\/p>\n<div align=\"left\">\n<div align=\"left\">\n<p><em>&#8222;Du hast das T\u00f6ten verboten und benutzest es zur Erziehung? Du hast es verboten und das Attentat mi\u00dflingen lassen; aber dadurch hast Du Millionen unschuldiger Menschen zum Tode verurteilt! Die Vernunft hilft nur zur Erkenntnis, in sich selbst des Schicksals Sterne zu suchen, das Gute als Mittel und Ziel anzuerkennen, weil sonst das Leben untragbar wird, und bei Erfolg und Scheitern festzustellen, wo die Ursachen liegen, dabei den Erfolg in den Leistungen anderer suchend, das Scheitern dem eigenen Versagen zuschreibend. Sehr hart, sehr bitter, aber wenigstens aufrichtig und f\u00fcr die Lebenden erzieherisch &#8211; so weit bin ich heute. Und doch suche ich noch durch Christus den barmherzigen Gott. Gefunden habe ich ihn nicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>Am 2. Februar 1945, gegen Mittag, wurde Carl-Friedrich Goerdeler in der Haftanstalt Berlin-Pl\u00f6tzensee hingerichtet.<\/p>\n<\/div>\n<p align=\"right\">Josef B\u00f6ggemann<\/p>\n<div align=\"right\"><sub> (aus der Festschrift &#8222;Goerdeler-Gymnasium, 25 Jahre, 1967-1992,<br \/>\nalle Zitate aus: Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart (DVA) 1954)<\/sub><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Welt aber bitte ich, unser M\u00e4rtyrerschicksal als Bu\u00dfe anzunehmen f\u00fcr das deutsche Volk&#8220; Das St\u00e4dtische Neusprachliche Gymnasium f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen in Entwicklung wurde mit zwei Klassen im September 1967 er\u00f6ffnet. Neben den anderen Gymnasien in Paderborn war diese Schule das erste koedukative Gymnasium der Stadt. 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